Montag, 29. Juni 2009

Mein Heim im Land meines Feindes

Amerika darf nicht mehr akzeptieren, dass Israel seinen Gründermythos auf die Siedlungen in den besetzten Gebieten überträgt

Ich bin alt genug, um mich an die Zeit zu erinnern, als israelische Kibbuzim noch wie Siedlungen aussahen. In den frühen Sechzigern verbrachte ich einige Zeit im Kibbuz Hakuk, einer kleinen Gemeinde, die von der jüdischen Miliz 1945 vor der Staatsgründung gegründet worden war. Kibbuz Hakuk wirkte immer noch ziemlich unfertig, als ich 18 Jahre später dort war. Die paar Dutzend Familien, die dort lebten, hatten sich eine Gemeinschaftsküche, einen Kindergarten, Scheunen und Häuser gebaut. Doch gleich dahinter erstreckten sich felsige Hügel und halbgerodete Felder. Die Kibbuzbewohner trugen noch ihre typischen blaue Arbeitshemden, Khakihosen und dreieckige Kappen: So kultivierten sie Bild und Haltung der Pioniere, was schon damals im Widerspruch zur hektischen, urbanen Atmosphäre von Tel Aviv stand. Hier ist das wahre Israel, schienen sie den hoffnungsfrohen Besuchern und Freiwilligen zuzurufen, kommt und helft uns, die Steine wegzuräumen und Bananen anzupflanzen - und sagt euren Freunden in Europa und Amerika, sie sollen sich euch anschließen.


Die Aussicht ist wohl einzigartig: Von der Siedlung Herodion in der Nähe von Bethlehem blickt ein religiöser Siedler, bewaffnet mit einemM-16-Sturmgewehr, über die Judäische Wüste. Foto: David Silverman/Getty

Hakuk gibt es immer noch. Heute lebt es von einer Plastikfabrik und den Touristen, die zum nahegelegenen See Genezareth strömen. Die ursprüngliche Wehrsiedlung wurde in eine Touristenattraktion verwandelt. Von diesem Kibbuz als einer "Siedlung" zu sprechen, wäre bizarr. Doch Israel braucht "Siedlungen". Sie sind notwendig, um das Image für ausländische Bewunderer und Geldgeber aufrechtzuerhalten: das eines kleinen Landes, das sich durch die harte Arbeit der Urbarmachung, durch legitime Selbstverteidigung und den Bau von Siedlungen in einer feindlichen Umgebung mühsam den Platz erkämpft, der ihm zusteht. Aber eine solche neo-kollektivistische Grenzland-Erzählung klingt im modernen, hochtechnisierten Israel unaufrichtig. Deshalb wurde der Gründermythos übertragen - auf die palästinensischen Gebiete, die im Krieg von 1967 erobert und seither illegal besetzt wurden.

Die internationalen Medien werden nicht zufällig dazu ermutigt, über jüdische "Siedlungen" und "Siedler" im Westjordanland zu berichten. Doch das Bild trügt. Die größte der umstrittenen Siedlungen ist Maale Adumim: 35 000 Menschen leben hier, so viele wie im englischen Winchester. Doch nicht die Zahl der Bewohner von Maale Adumim ist bemerkenswert, sondern die Fläche, die es einnimmt. Diese "Siedlung" erstreckt sich über 50 Quadratkilometer . Maale Adumim ist damit dreimal so groß wie Genf . Was für eine "Siedlung".

Es gibt 120 offizielle israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten, außerdem "inoffizielle" Siedlungen, deren Anzahl auf 80 bis 100 geschätzt wird. Nach internationalem Recht besteht zwischen ihnen kein Unterschied: Beide Formen widersprechen Artikel 47 der Vierten Genfer Konvention, die ausdrücklich verbietet, Land zu annektieren, das mit Gewalt eingenommen wurde. Es gibt keinen Unterschied zwischen "autorisierten" und "nicht autorisierten" Siedlungen, wie in israelischen Verlautbarungen oft behauptet wird: Alle Siedlungen sind illegal, egal, ob sie offiziell anerkannt wurden, ob sie expandieren oder nicht.

Doch dürfen wir über den unverhohlenen Zynismus der jetzigen israelischen Regierung nicht vergessen, dass auch ihre vermeintlich respektableren Vorgänger für die heutigen Verhältnisse verantwortlich sind. In den letzten zwanzig Jahren ist die Zahl der Siedler konstant um jährlich fünf Prozent gewachsen, fast viermal so schnell wie die israelische Bevölkerung insgesamt. Zusammen mit der jüdischen Bevölkerung Ost-Jerusalems (das ebenfalls illegal annektiert wurde) stellen die Siedler inzwischen eine halbe Million Menschen: mehr als zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung im sogenannten "Großisrael". Ihnen wird bei den Wahlen großes Gewicht zugeschrieben, weil das anteilige Wahlsystem selbst dem kleinsten Wahlkreis übermäßigen politischen Einfluss verschafft. Um ihren Einfluss richtig einzuschätzen, muss man wissen, dass die Siedler - obwohl sie über ein Archipel von Ortschaften verstreut sind und durch 600 Checkpoints und Straßensperren vor den Arabern geschützt werden - einen homogenen demographischen Block bilden. Die Zahl illegaler Siedler im Westjordanland, in Ost-Jerusalem und auf dem Golan übersteigt die von Tel Aviv um fast ein Drittel. Fürwahr erstaunliche "Siedlungen".

Wenn Israel sich an Siedlungen berauscht, waren die USA lange ihr Spirituosenhändler. Hätte Washington von 2003 bis 2007 nicht jährlich 2,8 Milliarden Dollar - 2013 sollen es 3,1 Milliarden werden - zur Verfügung gestellt, wären die Häuser im Westjordanland nicht so billig, nämlich nur halb so teuer wie Häuser im israelischen Kernland. Viele, die dort hinziehen, betrachten sich denn auch nicht als "Siedler". Gerade aus Russland oder anderen Staaten eingewandert, nehmen sie die staatlich geförderte Unterkunft dankbar an, ziehen in die besetzten Gebiete und werden - wie die Bauern, die in Süditalien an Straßen und Strom angeschlossen wurden - dankbare Diener ihrer politischen Herren.

Niemand glaubt wirklich, dass die "Siedlungen" mit ihren 500000 Einwohnern, ihrer städtischen Infrastruktur und ihrem privilegierten Zugang zu Land und Wasser je wieder aufgegeben werden. Die Regierenden gleich welcher politischer Coleur haben nicht die Absicht, die Siedlungen zu schleifen; und weder Palästinenser noch informierte Amerikaner machen sich darüber Illusionen. Trotzdem behaupten fast alle gern das Gegenteil - sie verweisen auf die sogenannte "Roadmap", den Friedensplan von 2003, und behaupten, sich auf die Grenzen von 1967 geeinigt zu haben. Diese vorgebliche Vergesslichkeit ist das Schmiermittel im diplomatischen Austausch. Doch manchmal führt politische Heuchelei in den Untergang - so wie hier. Weil die Siedlungen nie dem Erdboden gleichgemacht werden, aber fast alle so tun als ob, wurde lange die Folgen dieser "facts on the ground" ignoriert.

Niemand weiß das besser als Benjamin Netanjahu. Am 14. Juni hielt der Premierminister eine mit Spannung erwartete Rede, in der er kunstvoll Rauch in die Augen seiner amerikanischen Gesprächspartner blies. Während er anbot, die hypothetische Existenz eines Palästinenserstaates anzuerkennen - unter den Bedingungen, dass dieser keine Macht über seinen eigenen Luftraum besitzt und keine Mittel, sich gegen Angriffe zu verteidigen - wiederholte Netanjahu die einzige Forderung, auf die es ihm wirklich ankam: Wir werden keine illegalen Siedlungen errichten, aber behalten uns das Recht vor, "legale" Siedlungen ihrem natürlichen Wachstum entsprechend auszubauen. Die Rückversicherungen, die Netanjahu den Siedlern und ihrer politischen Wählerschaft machte, wurden so enthusiastisch aufgenommen wie immer, obwohl sie in Klischees verpackt waren, die sich vor allem an die nervöse amerikanische Presse richteten. Die New York Times schluckte den Köder wie vorgesehen und titelte: "Netanyahu unterstützt Palästinenserstaat mit Vorbehalten."

Doch wird Obama mitziehen? Natürlich will er - nichts würde dem amerikanischen Präsidenten und seinen Beratern besser ins Konzept passen als ein Benjamin Netanjahu, der nach Obamas Rede am 4. Juni in Kairo die Fronten wechselt und auf einmal zu Kompromissen bereit ist. Die amerikanische Regierung könnte Konflikte mit ihrem nächsten Verbündeten fürs Erste verhindern. In Wirklichkeit aber hat der israelische Premierminister die hässliche Wahrheit ausgesprochen: Wir haben nicht die Absicht, uns in Bezug auf die Landnahme von "Judäa und Samaria" den internationalen Gesetzen oder Meinungen zu beugen. Der amerikanische Präsident muss sich entscheiden. Er kann mitspielen, könnte sich so die Zuneigung des Kongresses erkaufen - und Zeit. Er könnte aber genauso gut zwanzig Jahre amerikanischer Zugeständnisse über Bord werfen, öffentlich zugeben, dass der Kaiser nackt dasteht, den Zyniker Netanyahu fallenlassen und die Israelis endlich daran erinnern, dass ihre Siedlungspolitik ohne amerikanische Unterstützung undenkbar gewesen wäre. Obama sollte die Israelis daran erinnern, dass ihre sogenannten Siedlungen weder der Verteidigung Israels dienen noch den Gründungsidealen gerecht werden, sondern nichts sind als kolonialistische Invasionsversuche.

Wenn die Siedlungen nicht geräumt werden, wäre ein Amerika, das so tut, als ob die Nicht-Expansion angeblich "autorisierter" Siedlungen einen echter Friedensbeitrag darstellt, eine Katastrophe. Niemand im Nahen Osten glaubt derlei Märchen. Israels politische Elite könnte unverdient aufatmen. Die Vereinigten Staaten hätten sich vor ihren Verbündeten erniedrigt, von ihren Feinden gar nicht zu sprechen. Wenn Amerika seine Interessen in Israel nicht durchsetzen kann, soll es sich wenigstens nicht wieder zum Narren halten lassen. Oder, wie George Bush einmal zu sagen versuchte: "Fool me once, shame on you; fool me twice, shame on me."

Der Autor ist Direktor des Remarque Institute der New Yorker Universität. Unter anderen verfasste er "Reappraisals: Reflections on the Forgotten Twentieth Century" (2008).

(aus: SZ, Juni 2009)

Donnerstag, 28. Mai 2009

„Zelt der Völker“ war auf dem Kirchentag!

Nachdem uns Jakob Fehr angeboten hat, den Freundeskreis „Zelt der Völker“ im Rahmen des DMFK-Standes auf dem Kirchentag in Bremen vorzustellen, haben wir in aller Eile noch 1000 Handzettel drucken lassen, die dann mit den Olivenbaum-Karten und Plakaten, die auch im Gemeindezentrum im Eingangsbereich hängen, per Post nach Bammental gingen. Jakob Fehr hat uns in einem Telefonat mitgeteilt, dass einige Bäume verkauft werden konnten.
In diesem Zusammenhang sei nochmals daran erinnert, dass Stephan Sommer im Herbst nach Palästina auf den Weinberg reisen wird (ein genauer Termin folgt in Kürze). Wer Interesse an dieser einwöchigen Reise hat, soll sich bitte bei ihm melden! Der Freundeskreis möchte auch darauf hinweisen, dass Olivenbaum-Karten bzw. Patenschaften für 12,- Euro das Stück immer noch erworben werden können.

Wer Flyer zum Verteilen braucht, kann sich an Stephan Maria Sommer, schriftleitung@gmx.de, wenden!

Samstag, 2. Mai 2009

Kinotipp: "Das Herz von Jenin"

"Meine Rache ist die Menschlichkeit"
Ein Gespräch mit Ismael Khatib, der die Organe seines Sohnes an Israelis spendete und so Frieden mit seinem alten Feind machte

Ismael Khatib, 43, hat im November 2005 seinen Sohn Ahmed verloren. Der Zwölfjährige wurde im Flüchtlingslager von Dschenin im Westjordanland bei einer Militäraktion israelischer Soldaten tödlich am Kopf getroffen. Statt Rache zu schwören, entschloss Khatib sich, die Organe seines Sohnes israelischen Kindern zu spenden und so deren Leben zu retten. Einen Moment hielten die alten Feinde inne, Palästinenser wie Israelis nahmen die Geste so begeistert wie verwundert auf. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter und der Israeli Leon Geller haben einen Dokumentarfilm über den Fall gedreht und den palästinensischen Vater dabei begleitet, wie er drei der sechs israelischen Kinder besucht, die heute mit Ahmeds Organen leben. "Das Herz von Jenin" läuft am Donnerstag in den Kinos an.

SZ: Am Tag seiner Beerdigung haben Männer in Dschenin den Leichnam Ihres Sohnes Ahmed in die Palästinenserflagge gehüllt, ihn durch die Straßen getragen und gerufen: "Hundert Tote für einen Toten!" Hatten auch Sie Rachegefühle?

Khatib: Ich habe während der Intifada 1987 Steine und Molotow-Cocktails auf israelische Soldaten geworfen. Insgesamt vier Jahre war ich darum in israelischer Haft. Irgendwann habe ich gemerkt: Gewalt bringt nichts, so kommt kein Frieden. Aber natürlich: Da wird ein Kind erschossen, ausgerechnet am ersten Tag nach dem Ramadan, an Eid El Fitr. Es ist ein Festtag für Muslime, ein Tag, um glücklich zu sein. Da haben selbst Nichtmuslime Rachegefühle verspürt.

SZ: Glauben Sie, dass Ihre Geste hilft, dem Frieden näher zu kommen?

Khatib: Ich hoffe es. Die Organspende war für mich größer, als wenn ich als Selbstmordattentäter nach Israel gegangen wäre. Ich bin ein friedliebender Mensch, aber natürlich habe ich Wut verspürt. Meine Rache ist die Menschlichkeit. Die Israelis waren irritiert, sie hatten mit allem gerechnet, nur damit nicht.

SZ: Haben alle in Dschenin das verstanden oder haben einige auch gesagt: Du bist verrückt, du hilfst dem Feind?

Khatib: Direkt zu mir gekommen ist keiner, aber es gab Verwunderung - und Respekt für meine Entscheidung. Ahmed hat dabei etwas bewirkt: Er ist das letzte Kind, das in Dschenin getötet wurde.

SZ: Wurden Sie gefragt, wer die Organe Ihres Sohnes bekommen soll?

Khatib: Nein. Aber Ahmed lag in einer Klinik in Haifa, also in Israel. Es war mir klar, dass die Organe vermutlich an Israelis gehen. Mir war aber wichtiger, dass vor allem Kinder die Organe bekommen - egal, ob Juden, Araber oder Christen. In ihnen lebt Ahmed weiter. Mein Bruder ist gestorben, weil er keine Niere bekam. Darum hatte ich mich längst entschieden, meine Organe zu spenden. Um aber zu entscheiden, ob Ahmeds Organe gespendet werden dürfen - auch an Israelis -, dafür brauchte ich einige Stunden Bedenkzeit. Ich musste meine Frau fragen, den Imam von Dschenin, den Chef der Al-Aksa-Brigaden. Alle sagten: Es ist kein Problem.

SZ: Haben alle Organempfänger gewusst, dass es Ihr Sohn ist?

Khatib: Nein, das wussten sie nicht.

SZ: Yaakov Levinson, ein orthodoxer Jude und der Vater von Menuha, die eine von Ahmeds Nieren erhielt, sagte bei einem Interview vor der Transplantation, er würde es bevorzugen, wenn das Organ von einem Juden käme. Da wusste er aber noch nicht, von wem die Niere stammt.

Khatib: Das hat mich verletzt, aber auch nicht erstaunt, er ist aufgewachsen in seiner Welt, die nicht zur Toleranz erzieht und nur die eigene Kultur zulässt.

SZ: Die letzte Station Ihrer Reise zu den Kindern führte Sie zu den Levinsons. Auf dem Weg dahin sagten Sie: "Dem Typen aus Jerusalem sag ich die Meinung." Als Sie schließlich bei ihm auf dem Sofa saßen, haben Sie es nicht getan. Warum?

Khatib: Yaakov Levinson hatte Angst, ich glaube, er hat noch nie einen Palästinenser, also seinen Feind, in sein Haus gelassen. Alles, was er sagen wollte, war auf Levinsons Gesicht, in seinem distanzierten Verhalten. Er hat mich gefragt, warum ich nicht in die Türkei gehe, um zu arbeiten. Er hat gar nicht verstanden, dass das hier auch meine Heimat ist. Ich glaube nicht, dass er sich ändern wird. Aber es ging mir nicht um den Vater, sondern allein um Menuha. In ihr sehe ich Ahmed.

SZ: Zum Abschied sagte Yaakov Levinson: "Ich hoffe, dass wir uns wiedersehen." Gab es weitere Treffen?

Khatib: Nein. Aber über einen Onkel von mir weiß ich, wie es Menuha geht. Er hat Kontakt zu dem Krankenhaus, in dem sie behandelt wird. Auch Herr Levinson soll nach uns gefragt haben. Samah, ein Drusenmädchen, in dem das Herz von Ahmed schlägt, sehe ich regelmäßig, und Mohammed, einen arabischen Israeli aus der Negev-Wüste, der mit einer seiner Nieren lebt. Nicht alle wünschen den Kontakt, das ist in Ordnung, ich habe es ja nicht getan, um Dankbarkeit einzufordern.

SZ: Ihre Frau und Sie haben noch zwei Mädchen und zwei ältere Söhne. Werden die irgendwann zu den Waffen greifen?

Khatib: Meine Söhne studieren in Norwegen, Musik und Ingenieurwesen, sie sind nicht in der Armee. Sie wissen, dass ich im Widerstand war und warum ich es heute nicht mehr bin. Sie helfen mir, meine Friedensbotschaft bekannt zu machen. Auch in Dschenin habe ich etwas bewirkt, viele Israelis besuchen mich.

SZ: Nicht viele Israelis wagen sich in die palästinensischen Autonomiegebiete.

Khatib: Einige machen das trotzdem. Alle denken immer, dass wir Palästinenser Terroristen sind. Dschenin war immer die Stadt, aus der die Selbstmordattentäter stammen. Sie war ein Symbol für Rache. Die Besucher berichten in Israel, was sie hier sehen. Das hat auch das Bild von uns geändert. Eine Israelin hat mich besucht und auf dem Rückweg wurde sie von einem israelischen Soldaten am Checkpoint gefragt: Sind Sie verrückt, was machen Sie in Dschenin? Sie fragte zurück: Was machen Sie an dieser unsinnigen Mauer? Da hat er nichts mehr gesagt.

SZ: Es gab aber auch palästinensische Anschläge auf israelische Schulbusse.

Khatib: Kinder müssen raus aus dem Spiel, in dem sie benutzt werden - von beiden Seiten. Ein Kind weiß noch nicht, welche Religion es hat oder welcher Partei es folgen muss, es ist ohne Schuld. Wir sind geboren in einem besetzten Land, und unsere Kinder kennen nichts anderes. Deshalb sind Plastikwaffen oft auch ihre Spielzeuge. Auch an dem Tag, als Ahmed erschossen wurde, hatten sie eine Spielzeugwaffe dabei. Die Soldaten hielten sie angeblich für eine Kalaschnikow und haben sofort das Feuer eröffnet.

SZ: Haben Sie versucht, den Soldaten zu finden, der Ihren Sohn getötet hat?

Khatib: Nein, das habe ich nicht. Es spielt doch keine Rolle. Ahmed ist tot. Der Soldat hat im Rahmen einer Militäraktion seine Befehle ausgeführt. Die erste Kugel traf Ahmed am Bein, die zweite am Kopf. Warum hat der Soldat es nicht bei dem ersten Schuss belassen?

SZ: Der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat Ihnen öffentlich mehrmals gedankt. Letztendlich war er zu der Zeit verantwortlich für die Razzia, bei der Ahmed gestorben ist.

Khatib: Das Telefon hörte nicht mehr auf zu klingeln: "Scharon möchte dringend mit dir sprechen" hieß es, "Olmert möchte mit dir sprechen". Ein Vertreter des Verteidigungsministeriums hat sich wortreich bei mir entschuldigt. Vor Ahmed sind viele Kinder getötet worden, keiner hat sich entschuldigt. Die Berichte über uns haben großen Druck erzeugt.

SZ: Dschenin soll das Vorbild für ein friedliches, unabhängiges Palästina werden. Kann das funktionieren?

Khatib: Dschenin ist eine friedlichere Stadt geworden, zuvor galt sie als fünftgefährlichste Stadt der Welt. Es bewegt sich etwas, und das hat mit den Leuten zu tun. Früher habe ich als Automechaniker gearbeitet, seit zwei Jahren leite ich ein Jugendzentrum in Dschenin. Im ersten Jahr kamen 200 Kinder zu uns, im zweiten 400. Die Kinder sind so weg von der Straße. Und wir wollen das alte Kino wieder aufmachen. Das war eine Idee, die dem Regisseur Marcus Vetter und mir gekommen ist, als wir den verfallenen Bau gesehen haben. Wir sammeln für unser Projekt Cinema Jenin und wollen das Kino 2010 eröffnen. Es soll ein Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Nationalitäten werden. Vielleicht können wir danach einen Spielplatz bauen oder einen Park.

SZ: Hätten Sie der Organspende auch noch nach dem jüngsten Gazakrieg zugestimmt? Menschenrechtler prangern willkürliche Tötungen von Zivilisten durch israelische Soldaten in Gaza an.

Khatib: Ich muss ein wenig überlegen, aber nein, es macht für mich keinen Unterschied. Es ist ja keine Spende an die Regierung, sondern an die Kinder. Neben mir im Krankenhaus haben Juden die Thora gelesen und wir den Koran. Wir haben alle an den Betten unserer Kinder gesessen und gewartet, dass sie ihre Augen aufmachen. Man fühlt, dass es gar nicht so schwer ist, Frieden zu machen.

(SZ, 2. Mai 2009)

Siehe auch http://www.hagalil.com/01/de/Israel.php?itemid=2601

Dienstag, 14. April 2009

"Tent of Nations" - Frühlingsbericht 2009

Liebe Freunde, herzliche Grüße aus Bethlehem und vom nun im Frühling grün werdenden Weinberg. Wir möchten Euch gern wieder über die Fortschritte im Projekt sowie die allgemeine Situation berichten.

Wie bereits im Bericht vom Januar erklärt, müssen wir noch immer den Umweg über Nashash machen, um von Bethlehem aus den Weinberg erreichen zu können. An der zukünftigen palästinensischen Straße, die durch den Tunnel unter der israelischen Straße hindurch führt, wird noch immer gebaut. Man wird dann einmal bis zum Dorf Husan gelangen. Eine Weiterfahrt von dort aus wie bisher nach Nahalin und zu unserem Land wird sehr wahrscheinlich nicht mehr möglich sein. Unser Umweg wird noch länger werden. Ebenfalls wird noch immer an der Apartheid-Mauer gebaut, und die Siedlungen werden weiterhin ständig vergrößert.

Landprozess
Bevor das Land als unser Eigentum von Israel anerkannt wird, muss es wie bereits erwähnt mit einem enormen Kostenaufwand wieder neu registriert werden. Dieser Prozess wird uns $ 15.000 kosten. Wir haben die erste Rate bezahlt und der Prozess wird jedoch erst fortgesetzt, wenn wir weiterhin zahlen. Die zweite Rate von $ 3000 ist jetzt fällig. Wir hoffen sehr, dass wir auch diesen Teil eines lang andauernden Prozesses zu einem guten Ende führen werden. Für jegliche finanzielle Unterstützung wären wir äusserst dankbar. Aber auch für das Mittragen unserer Probleme und all Eure Solidarität bedanken wir uns sehr herzlich.

Landwirtschaftliche Entwicklung
Wir sind sehr froh, Euch mitteilen zu können, dass wir in den letzten Monaten über 600 Bäume gepflanzt haben. Menschen aus verschiedenen Ländern haben dabei mitgeholfen und die Bäume auch gesponsert. Auf diesem Wege nochmals herzlichen Dank! Wir planen, nun bald mit der landwirtschaftlichen Schulung für Bauern aus den umliegenden Dörfern beginnen zu können. Es werden einfache Kurse vor allem in organischer Landwirtschaft angeboten. Wir bitten darum, mit uns Kontakt aufzunehmen, wenn hierzu nähere Infos gewünscht werden.

Infrastruktur
Da wir für das Land stets viel Wasser benötigen, haben wir zwei neue Zisternen fertig gestellt, für 80 000 Liters von Wasser, und eine dritte befindet sich im Bau. Wir beabsichtigen, die Küche im Gebäude der Volontäre zu verbessern. Ein teils unterirdischer Unterstand für die Tiere ist im Bau. Auch dafür würde finanzielle Unterstützung dankbar angenommen.

Besuche
Zahlreiche Besucher aus verschiedenen Ländern kamen in den letzten Monaten zum Land. Es kamen 311 Personen aus Deutschland, 141 aus den USA, 14 aus Norwegen, 22 aus England, 3 aus Frankreich, 28 aus der Schweiz, 145 aus Österreich, 5 aus Niederlande, 11 aus Brazil, 5 aus Schweden, 2 aus Schottland, 87 aus Israel, und 102 aus Palästina. Insgesammt haben wir zwischen Januar und März 876 Gäste.

Volontäre
Es ist sehr erfreulich und ermutigend, ständig Volontäre zur Mithilfe bei uns zu haben. Ohne sie könnten wir die viele Arbeit gar nicht bewältigen. Sehr dankbar sind wir für all die Solidarität, die wir stets erfahren dürfen.

Workshop Woche im Bildungszentrum Bent Al-Reef
Die Workshop Woche für die Frauen im Dorf Nahalin war sehr erfolgreich. Die diversen Themen fanden grosses Interesse, und es konnte den Frauen viel Neues vermittelt werden. Wir bitten um Mitteilung, wenn ein ausführlicher Bericht gewünscht wird.

Schliesslich möchte ich Euch allen von Herzen recht schöne Frühlingstage und zum Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus wünschen wir Euch Freude und Frieden, Hoffnung und Zuversicht, Segen und Gnade.

Mehr Infos finden Sie unter www.tentofnations.org
Mit herzlichen Grüssen Daoud Nassar

Dienstag, 17. März 2009

Olivenbaum-Fotos!

Dank Herrn Dettweiler konnte im Gemeindezentrum eine kleine Ausstellung eingerichtet werden; dabei handelt es sich um Fotografien von Olivenbäumen, die Herr Dettweiler auf einer Reise auf die Balearen gemacht hat. Diese Bäume sind teilweise über 1000 Jahre alt. Nun können einzelne Bilder für einen Mindestpreis von 30,- Euro erworben werden; der Erlös aus dem Verkauf kommt dem Projekt "Zelt der Völker" zugute.

Montag, 9. März 2009

Aktion "Ein Ölbaum für den Frieden" läuft auch 2009 weiter!

„Hoffnung leben, Frieden pflanzen“ ist das Motto, unter dem jedes Jahr auf dem Land der Familie Nassar hunderte von Olivenbäumen gepflanzt werden. Auch der "Freundeskreis Zelt der Völker" Ingolstadt unterstützt diese Aktion. Dazu gibt es seit November 2008 die Möglichkeit , Patenschaften für einen Olivenbaum zu erwerben. Die Karten für eine Patenschaft kosten 12,- Euro das Stück und sind über den Freundeskreis zu erwerben. Siehe auch Info auf der rechten Seite!

Bisher wurden schon über 1000,- Euro gesammelt. Das Geld hat auch schon unsere Freunde in Palästina erreicht und wurde in Olivenbäume investiert!

Donnerstag, 12. Februar 2009

Nahost-Spezial der Süddeutschen Zeitung

Interessante Artikel zum Nahost-Konflikt und zu den Wahlen 2009 in Israel findet Ihr unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/46/453734/uebersicht/